Marcus Sternlieb

Mundenheimer Straße 182

Markus Sternlieb war Architekt und wurde 1911 Stadtbaumeister in Ludwigshafen, ab 1920 Mitglied im Vorstand der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG. Ende 1932 trat er aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Am 23. Oktober 1934 verstarb Sternlieb im Alter von 57 Jahren in Ludwigshafen. Von Sternlieb geplante Bauten prägen noch heute das Bild der Stadt.

Biografie

von Dr. Stefan Mörz

 

„Ihre baulichen Schöpfungen haben nicht allein in Ludwigshafen, sondern auch weit darüber hinaus in allen maßgeblichen Kreisen restlose Anerkennung gefunden und sind als nachahmenswertes Beispiel empfohlen worden.“ Mit diesen Worten lobte Ende 1932 der sozialdemokratische Ludwigshafener Bürgermeister Kleefoot das Wirken des Oberbaudirektors Markus Sternlieb.

 

Markus Sternlieb wurde am 20. Februar 1877 im rumänischen Braila als Sohn des deutschsprachigen, aus der österreichischen Bukowina stammenden Kaufmanns Mayer Sternlieb geboren. Seine Jugend in einem Land, das immer noch von einem zum Teil äußerst gewalttätigen Antisemitismus gekennzeichnet war, ließ ihn zum engagierten Mitglied der noch jungen zionistischen Bewegung werden. Nach der „Maturitätsprüfung“ an der Universität Bukarest nahm er 1897 ein Studium an der Technischen Universität München auf und wechselte im Jahr 1900 an die TH Darmstadt. 1904 unterbrach er sein Studium und trat in den Dienst des Hochbauamtes der Stadt Kaiserslautern. In jener Zeit erwarb er auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Aus Kaiserslautern stammte auch Sternliebs künftige Frau, Selma Magath, die er 1906 heiratete. Das Paar hatte zwei Töchter.

 

1905 wurde Sternlieb „Planrevisor“ im Ludwigshafener Bauamt. Sein Talent wurde bald erkannt, und er erhielt auch jenseits seiner eigentlichen Kompetenzen interessante öffentliche und private Aufträge zur Konzeption wichtiger Gebäude. So stammen das Straßenbahndepot, die Rheinschule mit ihrem Turm, die Realschule, das heutige Max-Planck-Gymnasium, und das große repräsentative Stadthaus Nord, das „Ludwigshafener Schloss“, aus Sternliebs Feder. Auch als Stadtplaner und Gestalter für Parks und Grünflächen wurde er herangezogen. 1911 erwarb Sternlieb in Darmstadt das Architektendiplom mit einer Prüfungsarbeit zu dem ihm übertragenen Entwurf des Ludwigshafener städtischen Erholungsheims „Trifels“ in Annweiler. Durch seine Begabung und die offensichtliche Schwäche des Bauamtsleiters fiel ihm schon in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg der bestimmende Einfluss auf das Hochbauwesen der Stadt zu, eine Tatsache, die ihm 1913 möglicherweise antisemitisch gefärbte Kritik seitens des „General-Anzeigers“ eintrug. Die sozialdemokratische „Pfälzische Post“ nahm ihn hingegen in Schutz. 1914 wurde Sternlieb offiziell Leiter des Hochbauamts, 1920 erhielt er den Titel Oberbaudirektor.

 

In den Jahren nach dem Krieg wurde Sternlieb auch zum Verantwortlichen der neuentwickelten Regionalplanung und der Bauten für die französische Besatzungsmacht. Sein Herzensanliegen aber war der kommunale Wohnungsbau. Er wollte das Elend der Menschen lindern und sowohl ästhetisch als auch hygienisch überzeugende Lösungen für die Stadtgestaltung finden. Seit 1920 war er Leiter der neugegründeten städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG, in deren Dienst er 1926 hauptamtlich trat. Nur hier, so führte er aus, könne er „die Ziele, die er sich gesetzt habe, erreichen“ – „Verschönerung und Ausbau […] des Stadtbildes, aber auch die Besserung der kulturellen und sozialen Verhältnisse“ bzw. „der minderbemittelten Bevölkerung gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen billig und preiswert zu beschaffen.“ Das „Wasserspülklosett, wohl der einzige wahre Fortschritt  auf dem Gebiet des Bauwesens“, fehle auch in der kleinsten Wohnung der GAG nicht, hob er 1925 stolz hervor.

 

Unter seiner architektonisch-technischen wie Gesamtleitung erbaute die GAG in den Jahren 1920 bis 1932 eine Reihe hervorragender Wohnkomplexe: den Roten und Grünen Hof und die gesamte „Heimstättensiedlung“ in der Gartenstadt, umfangreiche Wohnanlagen im Stadtteil Süd, den Blücherblock im Hemshof, die Siedlung „Finkennest“, die fast als eigene Wohn- und Lebenseinheit konzipierte Ebertsiedlung sowie, schon im Zeichen der Weltwirtschaftskrise, die Westend- und die Christian-Weiß-Siedlung. Fast alle stehen heute unter Denkmalschutz und gehören zu den architektonisch überzeugendsten Bauten der Stadt. Auch dem Projekt des Ebertparks lieh Sternlieb seine Unterstützung. Von ästhetisch ansprechenden Böden und Tapeten über Einbauküchen und moderne Einrichtungen wie Radioanschlüsse und Gemeinschafts-Waschmaschinenräume bis zu modern gestalteten und geleiteten Kindergärten und preiswerten, aber qualitativ guten Läden boten Sternliebs Siedlungen alles, was zur Steigerung des Wohlbefindens beitragen konnte. Gärtnerische Anlagen wurden, solange es finanziell möglich war, selbstverständlicher Teil der Gesamtkonzeption. Durch voll eingerichtete Musterwohnungen wollte Sternlieb auch im besten pädagogischen Sinn geschmacksbildend auf die Menschen wirken. Überzeugende städtebauliche Einbettung der meist von ihm konzipierten Bauten, eine unideologische Moderne, die Elemente des Bauhauses aufgriff, ohne die Vorzüge traditioneller Architektur zu verwerfen, und das Bemühen, bestausgestattete Wohnungen mit allem möglichen Komfort zu bieten, kennzeichnen insgesamt sein Wirken.

 

Sternlieb gehörte zum Kreis moderner, demokratisch gesinnter Kräfte in Ludwigshafen, unterhielt gute Beziehungen zum liberalen Oberbürgermeister und den Sozialdemokraten. Die Ebertsiedlung feierte auf seine Anregung hin mit ihrem und den Namen der sie umgebenden Straßen bedeutende Politiker der Weimarer Republik. Sternliebs Mitarbeiter lobten ihn als sozial, aufrichtig, überaus kompetent und fairen Kritiker. Bei Dienstjubiläen und Geburtstagen wurde ihm von allen Seiten höchstes Lob zuteil. Demgegenüber verblasste die Kritik von neidvollen Architektenkollegen und einiger Liberaler, die den öffentlichen Wohnungsbau ablehnten. Mehr Gewicht hatten die Einwendungen einiger Sozialpolitiker, die gerade seine schönsten Bauten als zu teuer und deshalb als für wirklich Arme unerschwinglich kritisierten.

Bis 1932 errichtete „Sternliebs GAG“ insgesamt 45 Wohnanlagen mit 230 Einfamilien- und 305 Mehrfamilienhäusern. Darin fanden sich 2315 Wohnungen, davon 1311 Ein- und Zwei- und 800 Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen. Dazu noch 47 Läden, sechs Malerateliers, zwei Büros, zwei Polizeistationen, zwei Gaststätten und je eine Werkstätte und ein Kindergarten. Daneben hatte die GAG auch die beiden Fernheizwerke Nord und Süd errichten lassen.

 

Ende 1932 trat der der kaum 55-jährige in Ruhestand. Er war bereits schwer krank, aber auch die Unmöglichkeit, in der Wirtschaftskrise weitere Bauprojekte in Angriff zu nehmen, hatte sicher zu seinem Abschied beigetragen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten stand Sternlieb als Jude, Demokrat und Vertreter modernen Bauens im Fadenkreuz nationalsozialistischer Anfeindungen. Öffentlich wurde sein Werk herabgewürdigt, er wurde bedroht und zeitweise verhaftet. An Sternliebs Stadthaus prangten riesige Hitler-Portraits, in „seiner“ Westendsiedlung fand die Ludwigshafener Bücherverbrennung statt. Noch 1933 reiste er nach Palästina, wo er über die Gründung einer GAG-ähnlichen Wohnungsbaugesellschaft in Tel Aviv unter seiner Ägide verhandelte. Bevor er irgendwelche Auswanderungspläne umsetzen konnte, starb er im Herbst 1934 in Ludwigshafen. Unter seinen treuen Mitarbeitern kursierten – falsche – Gerüchte von Mord oder Selbstmord. Nur ein zionistischer Vertreter sprach neben dem Rabbiner an seinem Grab, das die Familie Sternliebs auf Druck der Nationalsozialisten bald danach auflösen musste. Seine Urne wurde in der Grabstätte seiner Schwiegereltern versenkt. Sternliebs Frau musste vielfache Zurücksetzungen und harte Verfolgung erleiden. 1938 wurde ihre Wohnung in der „Kristallnacht“ verwüstet, 1940 wurde sie mit den meisten übrigen Ludwigshafener Juden ins südfranzösische Gurs deportiert. Nur durch die Bemühungen ihrer schon in die USA emigrierten Töchter konnte sie gerettet werden und wanderte in die Staaten ein, wo sie noch Jahrzehnte lebte und pfälzische Kochkunst und ihren Pfälzer Dialekt pflegte – ihre Töchter hatten zuvor aus offensichtlichen Gründen auf den Gebrauch der deutschen Sprache verzichtet.

 

Nach Jahrzehnten des Vergessens, während der man Sternliebs Architektur geschätzt und unter Schutz gestellt hatte, ohne ihn als Schöpfer überhaupt nur zu erwähnen, sorgte Ehrenbürger Dekan Borggrefe für Sternliebs „Wiederentdeckung“. 2002 entstand auf seine Initiative hin ein Denkmal für den Architekten im Hof der Rheinschule, 2007 wurde ein Stolperstein für ihn vor der GAG-Zentrale gelegt. Eine Ausstellung und eine große Monographie würdigten ihn und sein Werk. Ein Platz vor der neu errichteten Christian-Weiß-Siedlung trägt seinen Namen.

 

Marcus Sternlieb – ein akustischer Stolperstein von Birgit Baltes, SWR2

Der Stolperstein für Markus Sternlieb wurde am 22.11.2007 vor dem Verwaltungsgebäude der GAG in der Wittelsbachstraße 32 verlegt. Seit dem Umbau des GAG-Gebäudes liegt der Stolperstein vor dem neuen Haupteingang in der Mundenheimer Straße 182.

Am 9.9.2021 wurde vor dem Wohnhaus in der Lisztstraße 117 ein weiterer Stolpersteine für Markus Sternlieb verlegt, zusammen mit den Steinen für seine Frau Johanna Selma und die Töchter Eva und Ruth.

„Der Baumeister Ludwigshafens“ – unter diesem Titel ist im Jahr 2011 ein Buch über Markus Sternlieb erschienen. Verfasst wurde es vom Leiter des Stadtarchivs Dr. Stefan Mörz, im Auftrag der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GAG.

Sternlieb Buch