Lothar Pinkus

Zollhofstraße 11

Lothar Pinkus war aktiv in der Israelitischen Kultusgemeinde in Ludwigshafen. Ab 1939 wurde der Verein von den Nationalsozialisten benutzt, um die „Ausreise“ der jüdischen Bevölkerung zu organisieren. Lothar Pinkus selbst wurde im Frühjahr 1942 nach Izbica deportiert und dort oder in einem Vernichtungslager in der Nähe ermordet.

Biografie

Recherchiert von Andreas Berlin

 

Lothar Pinkus kam am 5. Mai 1909 als Sohn von Emma und Louis Pinkus in Oberhausen im Rheinland zur Welt. Die Familie wohnte dort in der Marktstraße 102. Lothar wurde Kaufmann wie sein Vater. Ab Mitte der 1920er Jahre wohnte die Familie Pinkus in der Schützenstraße 17 in Ludwigshafen, später in der Zollhofstraße 11.

 

Die Lebensverhältnisse der Familie waren Gegenstand eines Restitutionsverfahrens, das im Januar 1961 vor dem Landgericht Frankenthal verhandelt wurde. Ludwigshafener, die in den 1930er Jahren in der Wohnung in der Zollhofstraße 11 zu Gast waren, sagten aus:

„Die Familie Pinkus lebte in guten Verhältnissen.“
„In dem Wohnzimmer und Herrenzimmer lagen echte Teppiche. Der Sohn war ja in einem Teppichhaus. Außerdem kann ich mich an einen Gobelin und einige Bilder und Ölgemälde erinnern.“
„Frau Pinkus hatte auch immer sehr schönen Schmuck getragen und in ihrer Wohnung war reichlich Kristall und Silber vorhanden gewesen.“
„Ich kann mich an einen sehr großen Bücherschrank mit zahlreichen Büchern erinnern, eine massive Einrichtung mit Tisch und Stühlen sowie Ledersesseln.“

Zwei (nichtjüdische) Zeuginnen erklärten, dass sie die Familie Pinkus ab Mitte der 1930er Jahre nicht mehr besucht hatten: „Ich bin etwa 1935/36 letztmals in die Wohnung gekommen, weil es dann zu gefährlich wurde.“
In der Pogromnacht im November 1939 wurde die Wohnung in der Zollhofstraße von SA-Leuten verwüstet.

 

Lothar Pinkus war aktiv im Verband der Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz. 1939 wurde der Verein auf Befehl der nationalsozialistischen Regierung in die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ überführt. Die „Reichsvereinigung“ unterstand dem Reichssicherheitshauptamt, und ihre örtlichen Verbände wurden von der Gestapo kontrolliert. Lothar Pinkus leitete das Ludwigshafener Büro, und Ende 1939 übernahm er die Aufgabe des Verbindungsmanns zur Gestapozentrale in Neustadt. Er setzte sich für die Belange der verbliebenen Ludwigshafener Juden ein, musste aber gleichzeitig die Pläne des NS-Gauleiters und der Gestapo mit umsetzen. So dürfte er auch an der Vorbereitung des Abtransports der Pfälzer Juden nach Gurs – darunter auch sein Vater und seine Schwester – beteiligt gewesen sein. Als einige Woche später das Eigentum der verschleppten Juden öffentlich versteigert wurde, hatte er noch die Hoffnung, dass die Versteigerungserlöse den Eigentümern zukommen würden und dass diese damit ihre Ausreise in die USA oder nach Südamerika finanzieren könnten.

 

Lothar Pinkus blieb in Ludwigshafen. Im Januar 1942 beschloss die übergeordnete Stelle der „Reichsvereinigung“, das Ludwigshafener Büro schließen. Die Gestapo in Neustadt erhob Einspruch, weil sie in Pinkus einen fähigen Organisator von Transporten sah. Aber es reichte nur für einen Aufschub von zwei Monaten. Im März 1942 wurde das Büro aufgelöst. Lothar Pinkus wurde am 24. April 1942 zunächst nach Stuttgart gebracht und von dort zwei Tage später mit einem größeren Transport nach Izbica im besetzten Polen. Die Menschen, die nach Izbica gebracht wurden, sind in den folgenden Monaten mit wenigen Ausnahmen entweder vor Ort erschossen oder in den Vernichtungslagern Belzec und Sobibor ermordet worden.

Der Stolperstein für Lothar Pinkus wurde am 11. Oktober 2022 vor dem Haus in der Zollhofstraße 11 verlegt.