August Heller

Hofstraße 2

August Heller war Malermeister und Mitglied des Stadtrats für die katholische Zentrumspartei. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten musste er eine Verleumdungskampagne über sich ergehen lassen. Er wurde in „Schutzhaft“ genommen, nach drei Wochen wieder freigelassen, aber die Kampagne gegen ihn ging weiter. Er starb am 29. Mai 1936.

Biografie

Aus: „Das Wort Stadtparlamentarier wird aus unserem Sprachschatz gestrichen.“ Hrsg. vom Stadtarchiv Ludwigshafen

 

August Heller stammte aus kleinen Verhältnissen. Der am 18. Oktober 1877 geborene Sohn eines Sackträgers erlernte nach seiner Schulzeit das Malerhandwerk. 1898 machte er sich selbstständig und gründete einen Malerbetrieb, der in den 1920ern 70 Mitarbeiter beschäftigte. Als vitaler und geselliger Mensch, wie der frühere Stadtarchivar Dr. Willi Breunig ihn schildert, war Heller auch im sozialen Leben seiner Heimatgemeinde Mundenheim vielfach aktiv. So war er Vorsitzender des katholischen Männerwerks, stellvertretender Vorsitzender des Gesangvereins „Liederkranz“ und ein führendes Mitglied im Turnverein, fungierte als ehrenamtlicher Standesbeamter und setzte sich für die Errichtung eines Jugendheims in Mundenheim ebenso ein wie für die Erweiterung der Arbeit des Kinderheims Josefspflege und die Betreuung alter Menschen.

 

Sein Engagement im politischen Katholizismus begann um 1900. Ab der Stadtratswahl 1914 erschien Heller als Ersatzmann auf der Liste des Zentrums. Im Juni 1921 rückte er nach dem Tod eines Zentrumsmanns in den Rat nach. Bald wurde er stellvertretender Vorsitzender der Fraktion und vertrat den häufig durch sein Reichstagsmandat abwesenden Hermann Hofmann. Sozialpolitisch engagiert, verband ihn eine Freundschaft mit dem sozialdemokratischen Bürgermeister und Vorstand des „Wohlfahrtsdepartements“, Paul Kleefoot. 1921 wurde Heller Mitbegründer und Geschäftsführer der katholischen „Neuen Pfälzischen Landeszeitung“. In dieser Funktion stand er 1923/24 in vorderster Front gegen die separatistischen Bestrebungen. Bei der Neugründung des pfälzischen Zentrums 1924 trat er auf dessen Seite und blieb so bis 1927 Ortsvorsitzender in Mundenheim. Auch die Söhne Hellers, Eugen und Franz, wurden im katholischen Windthorstbund und dem Zentrum aktiv.

 

Heller fand klare Worte gegen die Nationalsozialisten. Ein Nationalsozialist formulierte es gegenüber der Polizei 1933 so: „Ich habe denselben […] als scharfen Gegner der NSDAP kennengelernt. Er hat kein Mittel gescheut, der NSDAP dort, wo er konnte, Schaden zuzufügen. […] Die Söhne von Heller, insbesondere Franz und Eugen Heller, haben unsere Bewegung mit den gleichen Mitteln bekämpft, wie ihr Vater“. Mit der „Machtergreifung“ setzte eine äußerst heftige Rufmord- und Einschüchterungskampagne gegen Heller und seine Söhne ein. Dennoch war er einer von nur drei Stadträten, die am 20. März 1933 im Senat der Stadt dem Beschluss zur Umbenennung von Ebertpark und Ebertstraße in Hindenburgpark und Adolf-Hitler-Straße ihre Zustimmung verweigerten – was ihm eine drohende Erwähnung in der NS-Presse eintrug.

 

Am 8. April 1933 kam es zu einer Zusammenrottung auf dem Butscherplatz, bei der Heller zur Aufgabe seines Mandats und aller Ehrenämter aufgefordert und Behauptungen über unsaubere Geschäftspraktiken seiner Firma in die Welt gesetzt wurden. Damals gelang es ihm noch, erfolgreich gerichtlich dagegen vorzugehen. Selbst die nationalsozialistische „NSZ“ musste den Widerruf publizieren. Heller übergab sein Geschäft an seine Söhne, die ihn damit aus der Schusslinie der Nationalsozialisten nehmen wollten. Das fruchtete jedoch wenig: Sein Haus wurde ständig von wilden SA-Horden belagert, welche die ein- und ausgehenden Personen belästigten. Auch telefonisch wurden Drohungen ausgesprochen. Im Rahmen der reichsweiten Aktionen gegen die katholischen Parteien wurde auch August Heller in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1933 verhaftet. In den Akten wurden die Gründe recht einfach formuliert: „Aufgrund der parteipolitischen Betätigung beim pfälzischen Zentrum ist gegen Heller bei der Bevölkerung eine derartige Mißstimmung entstanden, daß seine Sicherheit nur durch Schutzhaft gewährleistet werden kann.“ Tatsächlich organisierten die neuen Machthaber, besonders ein in Mundenheim lebender Kaufmann, eine weitere Kundgebung. Flugzettel mit folgendem Inhalt wurden überall in Mundenheim verteilt und an die Wände geklebt: „Warum wurde Zentrums-Heller verhaftet?! Öffentliche Kundgebung Butscherplatz Freitag, den 30. Juni 1933, abends 8 Uhr Haupt-Redner: Pg. [Parteigenosse] Liebel, M.d.L., Contwig. Lautsprecher-Übertragung. N.S.D.A.P. Ortsgruppe Mundenheim.“

 

Am 28. Juni stand auf dem Kalmitplatz nahe dem Mundenheimer Bahnhof in großer Schrift: „Tod dem Aug. Heller. Komm Frieda“, begleitet von zwei Kreuzen und dem Wort „Amen“. Neben der Todesdrohung griff die Inschrift Gerüchte um eine außereheliche Affäre Hellers auf, die ihn schon Jahre zuvor, damals im eigenenkatholischen Milieu, gequält hatten. Hellers Sohn Eugen bat die Kreis- und die Gauleitung der NSDAP um Hilfe gegen die Kampagne, er fuhr auch in die Landeshauptstadt München und erhielt dortZusagen, dass gegen den Terror eingeschritten würde. Noch in München erfuhr Heller allerdings per Telefon, dass die Kundgebung am 30. Juni stattfand.

 

Erneut wurden Verleumdungen über die Geschäftspraktiken der Firma Heller verbreitet. Ein riesiges Transparent mit einer „Spottfigur“ August Hellers wurde von örtlichen NS-Mitgliedern herumgetragen. Bei seiner Rückkehr nach Ludwigshafen wurde Eugen Heller festgenommen. Der Mundenheimer Kaufmann, der die Kundgebung vom 30. Juni organisiert hatte, trat gegen ihn auf und sagte aus: „Ich bin Nationalsozialist und kämpfe als solcher für Recht und konsequente Befolgung der Anordnung unseres Führers und unserer Programmpunkte. Die Anschuldigung des Herrn Heller, ich hätte die Aktion gegen seinen Vater aus persönlichen Gründen durchgeführt, um der Konkurrenz in den Sattel zu verhelfen und ihn geschäftlich zu schädigen, ist grundfalsch. Auf Grund der von uns geklärten Fälle gegen den Malermeister Heller, […] sind wir zur Annahme berechtigt, daß Heller August ein Schädling des deutschen Volkes ist und als solcher von der NSDAP bekämpft werden muß […] Ich erklärte Herrn Heller s. Zt., daß ich als Vertreter des Nationalsozialismus, um der erregten Stimmung der Öffentlichkeit in Mundenheim gegen seinen Vater und ihn persönlich Rechnung zu tragen, mich entschieden dafür einsetzen müsse, daß beide aus dem politischen Leben zu verschwinden haben. […] Die gehässigen Redensarten des Zentrums-Heller und seiner Söhne gegenüber der NSDAP, unseren Führer und seine Mitarbeiter lassen keinen Zweifel über den politisch notwendig gewordenen, rücksichtslosen Kampf gegen diese Menschen. Es ist nicht unsere Schuld davon sprechen zu müssen, worüber sich ganz Mundenheim aufhält, daß Heller als Stadtrat und Exponent der Zentrumspartei es verstanden hat, in Deutschlands größter Notzeit sein Vermögen ganz gewaltig zu vermehren, so wenig es unsere Schuld ist, daß andere deutsche Volksgenossen in dieser Zeit systematisch zugrunde gerichtet wurden. Von seiner  Zentrumsschlüsselstellung aus beherrschte und vergiftete er das öffentliche und Vereinsleben in Mundenheim und Ludwigshafen.“

 

Eugen Heller musste am 2. Juli Ludwigshafen und Bayern aufgrund eines Landesverweises verlassen. Erst im September 1933 konnte er zurückkehren. Derweil flehte August Heller seinen Sohn Franz an, alle mögliche Hilfe zu mobilisieren, damit seine Einweisung in das KZ Dachau, die ihm bei einer ärztlichen Untersuchung angekündigt worden war, zu verhindern. Er schloss den Brief: „Ich kann nicht mehr schreiben, ich breche zusammen.“ Sein schlechter Gesundheitszustand bewahrte ihn dann vor dem KZ. Am 11. Juli wurde er freigelassen. Während der Haft waren ihm allerdings seine Medikamente verweigert worden. Im November 1933 entschied der Staatsanwalt, das Strafverfahren wegen Betrugs gegen Heller einzustellen, da sich „nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür ergeben“ hätten.

 

Die Kampagne gegen die Firma Heller ging dennoch weiter. Sie wurde von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen und Druck auf potentielle Kunden ausgeübt. So schrumpfte sie von 50 Mitarbeitern 1932 auf nurmehr sechs 1934. Franz Heller wurde wegen Beleidigung des Reichsleiters Rosenberg zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Im Zweiten Weltkrieg verbrachte er als Soldat 17 Monate in Untersuchungshaft, um vor ein Sondergericht gestellt zu werden. Zu diesem Zeitpunkt war August Heller längst tot. Er starb 1936 an den Folgen der nationalsozialistischen Terrorkampagne. Bis zu seinem Ende hatte er unter dauernder polizeilicher Beobachtung gestanden. Sein Begräbnis wurde zu einer Kundgebung gegen das Regime. Aufgrund der massenhaften Teilnahme brach zeitweise der Verkehr zusammen. Über die Teilnehmer ließen die Nationalsozialisten durch am Straßenrand platzierte „Aufpasser“ Aufzeichnungen machen.

 

August Hellers Sohn Franz gehörte nach dem Krieg zu den Gründern der CDU, war lange Jahre Landtagsabgeordneter. Sein Urenkel Christoph Heller ist Stadtrat und Ortsvorsteher der südlichen Ludwigshafener Innenstadt. August Heller hat also eine „politische Familie“ begründet. Seit 1967 erinnert eine Straße in Mundenheim an ihn.

Der Stolperstein für August Heller wurde am 11. Oktober 2022 vor dem Wohnhaus in der Hofstraße 2 in Ludwigshafen-Mundenheim verlegt.