Anneliese Sahin

Ein langes und heimtückisches Leiden hat dem Leben der langjährigen engagierten Mitarbeiterin beim Arbeitskreis bzw. Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“, Anneliese Sahin, ein Ende gesetzt. Wir haben eine überaus kompetente, engagierte, freundliche und menschenfreundliche Mitstreiterin verloren.

 

 

Anneliese war eine vielseitig interessierte Frau: Altphilologin, mit Liebe zur griechisch-römischen Geschichte, aber auch tiefes Eintauchen in die jüdische Geschichte, die NS-Zeit und in die Geschichte und Gegenwart der Heimat ihres Mannes, der Türkei; Türkisch sprach sie fließend. Sie hatten sich beim Studium kennengelernt – und die katholische Welt der Eifel und die kurdische Osttürkei fanden zueinander. Mit ihm hat sie Jahre an der neugegründeten Universität Diyarbakir verbracht und an der Hochschule selbst gelehrt. Nach dem Militärputsch von 1980 erlitt sie mit ihm Ausgrenzung und Polizeiterror. Für die Bewahrung der Demokratie in der Türkei hat sie immer leidenschaftlich Stellung bezogen.

 

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde sie Studienrätin in Ludwigshafen. „Mit ihren Türkisch-Kenntnissen – nur Ludwigshafen“, begründete die Landesverwaltung ihre Abordnung. Sie hat ihren Schülern, für die sie sich weit überdurchschnittlich engagierte, nicht nur ihre exzellenten Kenntnisse, sondern auch ihr Wertegerüst weitergegeben. Menschenliebe, Toleranz, Anstand und die Wahrung der demokratischen Freiheit flossen in ihre Lehrtätigkeit ein. Viele ihrer Schüler blicken mit Dankbarkeit auf diese Lehrerin zurück.

 

Ludwigshafen wurde ihr zur liebgewonnenen, aber niemals unkritisch betrachteten neuen Heimat. Das Schicksal der Migranten in dieser Stadt, besonders der türkischen „Gastarbeiter“, hat sie immer bewegt. Diskriminierung und Geringschätzung, die den Zuwanderern entgegenschlug haben sie zutiefst empört und zur Gegenrede veranlasst. Aber auch gegen Veränderungen in den Einwanderer-Communities in Richtung fundamentalistischer Intoleranz nahm sie deutlich Stellung.

 

Während der Flüchtlingskrise 2015 hat sie junge Syrer und eine Syrerin betreut. Das hieß bei ihr, sie hat mit ihnen gelernt, versucht, ihnen Deutsch und Kenntnisse über ihre neue Heimat beizubringen. Sie hat ihnen einen Schulabschluss ermöglicht und sie anschließend dabei unterstützt, einen Ausbildungsplatz zu erhalten.

 

Die so fühlbare Menschenliebe war auch an der Wurzel ihres Engagements für die „Stolpersteine“. Sie war regelmäßige Mitarbeiterin, hat über verschiedene mit Steinen gewürdigte NS-Opfer recherchiert und mit Angehörigen der Opfer kommuniziert. Ihr exzellentes Sprachgefühl hat sie im Verfassen von Begleittexten zu den Opfern und mit der Korrektur anderer Texte eingebracht. Sie trat bei Führungen zu den Stolpersteinen auf und nahm regen Anteil an Veranstaltungen, die der Verein mittrug, z.B. dem Tag der Demokratie im Amtsgericht.

 

Sie war eigentlich immer beteiligt und kümmerte sich in selbstloser und ganz unaufdringlicher Weise auch um den äußeren Ablauf bei Sitzungen des Teams, Verlegungen und bei Besuchen von Angehörigen der Opfer, sorgte für Essen und Getränke, half beim Auf- und Abbau der Veranstaltungen und der Verwahrung von Ausstellungsgegenständen.

 

Aufgrund ihrer Tätigkeit als Lehrerin hatte sie zahlreiche Kontakte zu Lehrkräften und ehemaligen Schülerinnen und Schülern. Bei vielen Verlegungen stellte sie die Verbindung zu ihnen her und initiierte die Beiträge der Schulen.

 

Anneliese Sahin hat ihrer Familie, ihren Schülern, ihren Freunden und den Menschen, denen sie verbunden war, und auch uns „von den Stolpersteinen“ viel gegeben. Wir hätten sie noch sehr gerne länger mit uns gehabt!

 

Stefan Mörz