Monika Kleinschnitger
Auftaktveranstaltung Stolpersteine
17. April 2007 im Stadtmuseum Ludwigshafen

Ludwigshafen setzt Stolpersteine –
Warum sollen uns Stolpersteine bei der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus helfen?

Berlin hat sein Stelenfeld, Wien befindet sich im Prozess des Denkens, München hat mit der Ermöglichung des neuen jüdischen Zentrums mit Synagoge und Museum im Herzen der Stadt Zeichen gesetzt.
Das Gedenken, unsere Motivation zum Erinnern, begegnet uns häufig in diesen Tagen. Im Angesicht des aktuellen Generationenwechsels und dem zunehmenden Verlust der Zeitzeugen besteht die Gefahr, dass sich Elemente einer jüngeren deutschen Geschichte in den Schubladen einer Historisierung neutralisieren, dass eine mögliche Institutionalisierung des Gedenkens gefährlicher Gleichgültigkeit Vorschub leistet. Gleichgültigkeit führt zu Desinteresse an Geschichte und Politik, zur Ent-Politisierung und zur Nicht-Verantwortung. Das können wir uns nicht leisten.

Die Notwendigkeit, für das „Erinnern“ und für das „Gedenken“ neue und lebendige Formen zu entwickeln, um nachfolgende Generationen zu beteiligen, das muss unser Ziel sein. Wir, das sind die engagierten Aktiven im Arbeitskreis Stolpersteine, schlagen vor, Formen der Gedenkarbeit zu finden, die nachhaltig und sichtbar die Auseinandersetzung mit der Diktatur der NS-Zeit in unserem Stadtbild zeigen. Die künstlerische Gestaltung dieses Abends durch Schülerinnen und Schüler des Carl-Bosch-Gymnasiums als Träger des diesjährigen Abrahampokals zeugen von dieser Verantwortungs-bereitschaft und der Kreativität junger Menschen, sich auf diesen Prozess einzulassen. Herzlichen Dank dafür allen Beteiligten.

Der Verharmlosung der Geschichte des Nationalsozialismus entgegenzutreten, ist nur möglich mit eindeutigen und klaren Worten. Geschichtsklitterung, Geschichtsverfälschung, wie sie in den letzten Tagen der baden-württembergische Ministerpräsident Öttinger betrieben hat, rüttelt an uns, hält uns wach und führt uns unsere eigene Verantwortung vor Augen. Den unerschütterlichen NS-Gefolgsmann und NS-Marinerichter Filbinger bei den Widerstandskämpfern einzureihen, ist ein Affront, der Versuch Herrn Öttingers sich herauszuwinden, ein Trauerspiel.

Stolpersteine gelten als Provokation. Gunter Demnigs ins Trottoir eingearbeitete Stolpersteine fanden in München bspw. keinen Gefallen. Auch mir ist erst im Gespräch mit einem der wenigen jüdischen Überlebenden der Nazizeit, der noch hier in Ludwigshafen wohnt, sehr bewusst geworden, wie sehr Stolpersteine eine Erinnerungsform sind, die wir als nachfolgende Generationen brauchen - die wir brauchen, die wir weder die Zeit erlebt haben, noch zu den Opfergruppen gehören. Verfolgte der Nazi-Zeit verstehen „Stolpersteine“ manchmal emotional als ein „nochmals mit den Füßen getreten werden“. Und dennoch haben wir uns – hat sich der Stadtrat - in Ludwigshafen für die Stolpersteine entschieden.

Wir werden am 22. November 2007 die ersten Stolpersteine in Ludwigshafen durch Gunter Demnig gelegt bekommen. Ihre Fortsetzung erhält die Verlegeaktion bereits im März 2008. In Ludwigshafen sollen die Stolpersteine als Zeichen der Erinnerung dienen, um den Spuren vergessener Nachbarn nachzugehen, um unsere „Gedächtnislücken“ zu füllen. Die Stolpersteine erinnern an alle Opfer des Naziregimes: An die Juden als größter Opfergruppe, aber auch an die Vertreibung und Vernichtung der Sinti und Roma, an die Opfer politischer und religiöser Verfolgung sowie der Euthanasie und an die Verfolgung Homosexueller.
Sicherlich überraschend für uns alle, die sich seit November 2006 in der Initiativgruppe Stolpersteine zusammengefunden haben – und mein Dank gebührt Ihnen allen - sind die hohe Resonanz in der Öffentlichkeit und das große Interesse, mit dem wir von Bürgerinnen und Bürgern und auch von der Presse begleitet werden. Auch Ihre Anwesenheit heute Abend zeigt uns das. Es ist ein Projekt von Bürgerinnen und Bürgern für Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. An dieser Stelle danke ich der OB Dr. Eva Lohse, dass sie mit ihrer Anwesenheit heute und ihrer Bereitschaft, die Schirmherrschaft für das Projekt zu übernehmen, ihr direktes und unmittelbares Engagement zeigt.

Gleichwohl dürfen wir gerade hier in der Stadt Ludwigshafen nicht vergessen, welche gewichtige Rolle die BASF – als Teil der IG Farben - gespielt hat. Maßgeblich waren jüdische Wissenschaftler an der Entwicklung der BASF beteiligt. Einzelne jüdische Mitarbeiter konnten durch Versetzung in ausländische Tochterfirmen als unersetzliche Fachleute der nationalsozialistischen Verfolgung entzogen werden. Nicht verschwiegen werden darf, dass die BASF / IG Farben ebenfalls an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt war: Durch den Aufbau des petrochemischen Werks Monowitz, ganz in der Nähe des Lagers Auschwitz, mit einem Arbeitslager, in dem von den 120.000 KZ-Häftlingen nur ein kleiner Teil überlebte. Die Verantwortung für unsere Geschichte betrifft alle gesellschaftlichen Kräfte. Jeden einzelnen von uns, führende Kräfte in Wirtschaft und Verwaltung ebenso wie Kultur schaffende und Politik verantwortliche. Die im Vorfeld geführten Gespräche lassen vermuten, dass es zwischen dem 22. Oktober 2007, dem Gedenktag für die deportierten Juden am 22.Oktober 1940 in das Lager Gurs und dem 22.11.2007, dem ersten Verlegetag für die Stolpersteine, eine Reihe von Kooperationen und Veranstaltungen mit und von Ludwigshafener Institutionen, Theatern und Vereinen geben wird.

Sie alle können sich beteiligen, dass wir „Stolpern lernen“. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass künftig, wer die Augen auf Ludwigshafener Straßen offen hält, inne hält und nachschaut, weil er über einen Namen stolpert. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass jeder in Ludwigshafen erkennt, dass es eine Ehre und Verpflichtung ist, dafür zu sorgen, dass die vielen Deportierten, die vielen in den Lagern Verhungerten und Erschossenen eine namentliche Erinnerung am Ort ihres letzten Wohnsitzes bekommen.

Dies soll uns Ansporn sein, dieses Bemühen wird uns umtreiben.

Vielen Dank.