Arbeitskreis Ludwigshafen setzt Stolpersteine

Ablauf für Dienstag, den 28. Oktober 2008
13 Uhr am Lichtertor vor dem Rathaus-Center, Ludwigshafen

„Ich steckte in der Eile
nur ein Reservetaschentuch ein….“


Als Grundlage dient die Liste „Verzeichnis der polnischen Staatsangehörigen, denen gemäß § 5 Abs. 1 Ziff. A der Ausländerpolizeiverordnung vom 22.8.1938 (RGBl. S. 1055) der Aufenthalt im deutschen Reichsgebiet verboten wurde.“

Ludwigshafen / Rhein, den 29. Oktober 1938. Polizeidirektion J.A. gez. Acker.

166 Namen bedeuten 166 Opfer, bedeuten 166 Schicksale von Kindern und Jugendlichen, Männern und Frauen, Familien, die in Ludwigshafen gelebt haben. Wir möchten eine Gedenkstunde gestalten, die am Dienstag, den 28. Oktober 2008, also 70 Jahre später, vor dem Rathaus – Center in Ludwigshafen stattfinden soll.

Geplant sind Lesebeiträge, die den historischen Hintergrund erklären („Polen-Aktion und der Zusammenhang zur sog. „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938) und die gestützt auf die Veröffentlichungen von Roman Vishniac (
Verschwundene Welt und Kinder einer verschwundenen Welt) und Marcel Reich-Ranicki (Mein Leben) einen Eindruck vermitteln sollen, welche Wirkung bei den Opfern und Betroffenen damit erreicht wurde. (Text unten angehängt gibt weitere Informationen)

Danach sollen stellvertretend für die 166 Opfer ihre Namen nacheinander alphabetisch vorgelesen werden und mit ihrem Namen beschriftete Taschentücher aufgehängt werden. Dazu hoffen wir auf die Unterstützung von Schulklassen, Jugendlichen und interessierten MitmacherInnen.

Das Taschentuch ist ein für uns gewähltes Symbol des Abschieds und des Trostspenden gleichermaßen, daher zur Verdeutlichung dieser Situation besonders passend.

Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung, ob Sie selbst, alleine oder mit SchülerInnen etc. daran teilnehmen würden. Weitere Details wie Taschentücher und die Namen der Opfer sprechen wir dann noch weiter ab.



Wir freuen uns über Ihre und eure Rückmeldung
Arbeitskreis Ludwigshafen setzt Stolpersteine
(www.ludwigshafen-setzt-stolpersteine.de)

Monika Kleinschnitger
Monika.kleinschnitger@gmx.de

Die „Polenaktion“  1938 

Im Oktober 1938 wurden aus dem Deutschen Reich 17.000 Juden mit polnischen Pässen vertrieben. Die Nazis war nicht bereit Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit im Reichsgebiet zu dulden. Die Polnische Regierung, die Juden auf vielfältige Weise diskriminierte, wollte diese aber nicht aufnehmen. So mussten tausende im Niemandsland des Grenzstreifen ausharren, ein anderer Teil wurde für einige Monate in Polen interniert.
 
Der polnische Botschafter in Berlin Lipski 1938: „Die Mehrheit der polnischen Juden kam schon vor dem 1. Weltkrieg nach Deutschland. Ihre Kinder sind also in Deutschland geboren und aufgewachsen und können daher kein Polnisch. Die Alten beherrschen zwar noch das Polnische, benutzen diese Sprache jedoch nicht mehr im täglichen Leben.“  Als Lipski seiner Regierung berichtete, dass die deutschen Behörden offenbar die Abschiebung der Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit planten, beschloss diese die Rückwanderung zu blockieren, indem sie diesen Menschen die Staatsbürgerschaft aberkennen wollte. Die polnische Regierung erließ ein entsprechendes Gesetz, das Ende Oktober 1938 in Kraft treten sollte.

Die Deutschen reagierten mit der „Polenaktion“, die Listen dafür hatte die Polizei schon längst erstellt. In der Nacht zum 27.Oktober 1938 begann die SS Zehntausende polnischer Juden, die den größten Teil ihres Lebens in Deutschland zugebracht hatten oder hier geboren wurden und sich als Deutsche fühlten nach Polen zu deportieren. Die Menschen wurden von der Maßnahme völlig überrascht. Sie wurden aus dem Schlaf gerissen, mussten in zehn Minuten ihre Sachen gepackt haben und wurden dann zusammen getrieben und in Eisenbahnwaggons verfrachtet. Die Züge hielten zehn Kilometer vor der polnischen Grenze. Von hier aus wurden die Juden zu Fuß weiter getrieben. „Die Juden mussten aussteigen und die polnische Grenze zu Fuß überqueren. Als die polnische Polizei und Grenzposten dies zu verhindern suchten und die Juden zurück auf die deutsche Seite drängten, fingen die deutschen Polizisten und Zöllner mit aufgepflanzten Bajonetten und demonstrativ bereitgehaltenen Maschinengewehren an, die Juden gewaltsam und mit der Drohung, von der Waffe Gebrauch zu machen, nach Polen zu jagen.“ 

Die Vertriebenen wurden tagelang an den Grenzstationen festgehalten, ohne Schlafgelegenheit, oft auch ohne Verpflegung, bevor die polnische Bahn sie wegbrachte. „Nach Kattowitz kamen halbverhungerte jüdische Kinder in schrecklichem Zustand. Mädchen und Jungen in Schuluniformen mit ihren Schulbüchern in der Hand. Diese Kinder waren einfach von der Schule in die Waggons getrieben worden. Viele von ihnen waren auf der Reise krank geworden.“ 

Zu diesen Menschen gehörten auch die Eltern des 17 jährigen Herschel Grynszpan, der nach Paris emigriert war. Aus Wut und Verzweiflung tötet er am 7. November 1938 einen Sekretär der deutschen Botschaft in Paris. Dieses Attentat diente den Nazis als Vorwand für die so genannte Reichskristallnacht. 

Aus Ludwigshafen wurden 166 deutsch-polnische Juden ausgewiesen. Sie wurden mit 5.000 anderen im grenznahen Zbaszyn in einer völlig verdreckten ehemaligen Kaserne interniert. Die Zustände die dort herrschten, und die winterliche Kälte bewirkten, dass viele der Deportierten erkrankten und starben. 

Marcel Reich Ranicki gehörte auch zu diesen Deportierten. In seinen Memoiren schreibt er: „… wurde noch vor sieben Uhr morgens von einem Schutzmann aus dem Schlaf gerissen. Dass ich alles, was ich in dem kleinen Zimmer besaß, zurücklassen musste, versteht sich von selbst. Nur fünf Mark durfte ich mitnehmen und eine Aktentasche. Aber ich wusste nicht recht, was ich in ihr unterbringen sollte. Ich steckte in der Eile nur ein Reservetaschentuch ein ….  .“ Im Zug lernte er einige seiner Schicksalsgenossen kennen: „Sie sprachen alle tadellos Deutsch und kein Wort Polnisch. Sie waren in Deutschland geboren oder als ganz kleine Kinder hergekommen und hier zur Schule gegangen. …..  die Frauen hatte man meist mitten in der Nacht verhaftet, ihnen wurde häufig nicht erlaubt, sich anzuziehen: Sie waren nur mit einem Nachthemd und einem Mantel bekleidet.“ 

Die Abschiebung aus dem deutschen Reich war der Auftakt zur Shoa. Denn zehn Monate später marschierte die Wehrmacht in Polen ein. Die planmäßige Ermordung der Juden begann, und die meisten Betroffenen der „Polenaktion“ haben die Shoa nicht überlebt.