Im November 2006 gründete sich in Ludwigshafen eine Bürgerinitiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit „Stolpersteinen“ an die Opfer der Nazi-Zeit zu erinnern. Der Künstler Gunter Demnig hat bereits in 190 Ortschaften ca. 9000 „Steine“ verlegt, denn „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, so seine Überzeugung. Die Bürgerinitiative will aber nicht nur die Namen der etwa 1000 ehemaligen jüdischen Mitbürger Ludwigshafens ermitteln, sondern auch die der nichtjüdischen Opfer des Nazi-Regimes und die Daten ihrer Biografien.

Teil dieser Bürgerinitiative ist auch eine Gruppe von etwa 10 SchülerInnen des Ludwigshafener Carl-Bosch-Gymnasiums. Der Vater einer dieser Schülerinnen, Gerhard Kaufmann, betrieb die Spurensuche nach Ludwigshafenern, die während der Nazizeit verschwanden schon lange als Freizeithistoriker.

Er gab den Anstoß zu einem Schulprojekt- das er anfänglich allein leitete- das die Spuren von ehemaligen jüdischen Schülern und Lehrern dieser Schule verfolgen sollte. Inzwischen ist daraus eine ständige Arbeitsgemeinschaft von 10. und 11. KlässlerInnen geworden, die auch vom GEW-Kollegen G. Weißkopf mit betreut wird. Erstes Ziel der AG war es, die Schicksale des Lehrers Dr. Adolf Wetzlar und des Schülers Rudolf Goldmann aufzuklären. Weitere Namen waren merkwürdigerweise in den Unterlagen der Schule nicht zu finden.

Ein volles Jahr dauerte es, bis es den SchülerInnen gelang, das Schicksal des ehemaligen Lehrers ihrer Schule aufzuklären. Da während der Luftangriffe auf Ludwigshafen das gesamte Melderegister der Stadt verbrannte, mussten andere Quellen gesucht werden. In München – die Pfalz gehörte lange zu Bayern - fanden die SpurensucherInnen den Nachweis, dass Dr. Wetzlar 1934 im Zuge der „Arisierung der Beamtenschaft“ aus dem staatlichen Schuldienst entfernt worden war. In der Mannheimer Synagoge, die ab 1934 Unterricht für die von den Schulen verwiesenen jüdischen SchülerInnen organisierte, arbeitete der Gesuchte bis 1943 weiter als Lehrer. Dann wurde er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Im Januar 1945 kam er nach Auschwitz und wurde sofort nach Ankunft. - kurz vor der Befreiung des KZ durch die Rote Armee – ermordet.

Die Spuren des Schicksals des ehemaligen Oberrealschülers Rudolf Goldmann, der erst1938 von der Schule verwiesen wurde, führten die SucherInnen nach Sao Paulo in Brasilien. Mit seinen Eltern, denen ihre Häuser und ihr Geschäft in Ludwigshafen-Mundenheim


1934 zu einem Minimalpreis abgepresst worden waren, entkam er dem Holocaust. Das Geld aus dem „Verkauf“ der Häuser mussten sie für die Ausreise- erlaubnis zahlen. Sie kamen also völlig ausgeplündert nach Brasilien. Von Goldmanns Enkelinnen erfuhren die SchülerInnen, dass auch noch nach 1945 der Nazi-Ungeist sehr lebendig war. Im so genannten Wiedergutmachungsverfahren wurden die Goldmanns ebenso übel behandelt wie 1934, als man ihnen ihr Vermögen stahl.
Als Grundlage der Entschädigung diente der erpresste Verkaufspreis von 1934. Mit den Nachkommen von Rudolf Goldmann stehen die SchülerInnen zurzeit immer noch in brieflichem Kontakt, denn die Erlaubnis am 22. November 2007 einen „Stolperstein“ vor seiner ehemaligen Schule, dem Carl-Bosch-Gymnasium, zu legen, steht noch aus. Auch für den ermordeten Dr. Wetzlar wird an diesem Tag auch eine Gedenkplatte in den Bürgersteig vor seiner ehemaligen Schule verlegt werden.

Eigentlich hat die AG „Spurensuche“ ihr selbst gestecktes Ziel erreicht: Sie hat die beiden Schicksale aufgeklärt und durch die „Stolpersteine“ wird dafür gesorgt werden, dass sie so schnell nicht wieder in Vergessenheit geraten. Aber bei der über einjährigen Suche fanden die SchülerInnen sieben weitere Namen von Ehemaligen, deren Lebensläufe unbekannt sind. Also beschloss die Arbeitsgemeinschaft weiter zu arbeiten und zu versuchen die nächsten 7 Schicksale aufzuklären.

Der betreuende Kollege Weißkopf stellte im Verlaufe der Arbeit mit der AG erstaunt fest, dass diese Spurensuche die Jugendlichen so faszinierte, dass sie keinerlei Anstöße und Ermunterungen zur Weiterarbeit brauchten. Nur ab und an war ein Hinweis nötig, wo man eventuell noch fündig werden könnte. Aus einem Kurzzeitprojekt ist inzwischen eine Langzeitarbeitsgemeinschaft geworden. Vielleicht gelingt es der Gruppe bis zum 22. November 2008 einige der Schicksale der sieben weiteren Verschollenen zu klären, um dann mit weiteren „Stolpersteinen“ vorm Carl-Bosch-Gymnasium die Erinnerung an sie wach zu halten.

Und die nächste Idee zur Fortsetzung der Arbeit wurde auch schon geboren: Man will einen Leitfaden für andere Schulen erarbeiten, wie eine solche Forschung effektiv und erfolgreich zu betreiben ist. Schön wäre es, wenn die Arbeitgemeinschaft viele NachahmerInnen fände, und der geplante Leitfaden sehr häufig angefordert würde.

U.K.